Über die Vielfalt der Kulturpflanzen

Adretta, Heiderot, Violetta & Co.

Weltweit gibt es 30.000 essbare Pflanzen, etwa 7.000 davon werden angebaut oder gesammelt, aber nur 30 stellen heute 95% unserer Grundnahrung dar, so zum Beispiel Mais, Weizen, Kartoffeln, Reis, etc.

Kartoffelvielfalt

Kartoffelvielfalt

Ursprünglich waren alle unsere heutigen Kulturpflanzen Wildpflanzen. Wenn man die Wurzeln unserer Kulturmöhren und ihre Vielfalt mit denen der Wilden Möhre vergleicht, kann man erkennen, welche Entwicklung über Jahrtausende stattgefunden hat. Das Gleiche ist beim Kohl zu erkennen. Aus dem Gemüsekohl, der wild in Deutschland nur noch auf Helgoland vorkommt, wurde eine Vielfalt an schmackhaften Kohlsorten entwickelt. Durch den Einfluss des Menschen, der das Saatgut immer weiter verbesserte, entwickelte sich über die Jahrtausende eine Vielfalt an Sorten, die sich den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen, dem Boden und anderen Umweltfaktoren anpassten. Im Zuge der Industrialisierung und der zunehmenden Globalisierung wurden im 20. Jahrhundert Hochleistungssorten eingeführt und die Produktion wurde zunehmend vereinheitlicht, was dazu führte, dass in Industriestaaten wie Deutschland 90% der alten Sorten verloren gegangen sind. Allerdings haben die neuen Sorten den Nachteil, dass sie für Extremstandorte nicht geeignet sind und keine anpassungsfähige Bandbreite bieten, zum Beispiel für klimatische Veränderungen.

 

Die Zwänge der Marktwirtschaft, die Nachfrage nach billigen Produkten und nach großen und einheitlichen Früchten setzen die Landwirtschaft unter Druck. Sie erfordern einen hohen Ernteertrag und damit verbunden einen verstärkten Einsatz von Dünger und Pestiziden. Das wiederum führt zu starken Belastungen des Bodens und des Grundwassers. Die Folgen für die nächsten Generationen sind gravierend. Im Hinblick auf die durch den Klimawandel bedingten Veränderungen kommt dem Erhalt der biologischen Vielfalt der Nutzpflanzen wieder eine große Bedeutung zu. Vielfalt bedeutet Anpassung an Klima, Boden, geografische Lage, sie bedeutet Resistenzen gegen Krankheiten, Trockenheit oder Hitze. Dem Verzicht auf mögliche Höchsterträge steht eine größere Ertragssicherheit auch unter  schlechten Bedingungen gegenüber.

 

Ein weiterer Faktor, der zur Reduzierung der Vielfalt geführt hat, sind unsere heutigen Ess- und Lebensgewohnheiten. Fastfood und Fertiggerichte erfordern Qualitäten, die den Anforderungen der maschinellen Verarbeitung gezollt sind. All dies geht wesentlich auf Kosten des Geschmacks und der Geschmacksvielfalt. In Deutschland sind 160 Kartoffelsorten registriert. Davon ist im Handel kaum etwas zu merken. Wer kennt „Adretta“, „Heiderot“ oder „Violetta“? Meist unterscheiden wir nur noch zwischen mehlig kochend oder fest kochend. Durch die Veränderung der Lebensgewohnheiten haben wir immer mehr den Bezug zur Herkunft unserer Lebensmittel verloren. Es ist den meisten gar nicht mehr bewusst, welche Sinnesvielfalt beim Essen möglich wäre.

 

Über Jahrhunderte sicherte der Hausgarten, der früher zu fast jedem Haus, zumindest auf dem Land, gehörte, die Ernährung der Bewohner*innen. Samen wurden gezüchtet und ebenso wie das Wissen um die Kulturen weitergegeben. Im letzten Jahrhundert verschwanden viele dieser Gärten und damit auch viele Sorten und das Wissen darum. Allerdings ist in den letzten Jahren verstärkt eine Änderung zu beobachten. Immer mehr Menschen, besonders in den größeren Städten, haben das Bedürfnis zu gärtnern –  allein oder in Gruppen, auf dem Balkon, auf Industriebrachen, auf Hochbeeten oder Baumscheiben. Das Arbeiten im Garten tut dem Körper und der Seele gut. Das Erleben von Zusammenhängen, die Arbeit mit dem Boden, die Beobachtung, wie sich aus einem Samen eine Pflanze entwickelt und das Ernten schaffen eine große Zufriedenheit. Samen werden getauscht und Sorten ausprobiert. Viele alte oder regionale Sorten, die schon fast vom Markt verschwunden waren, wurden und werden wieder entdeckt. Es sind Initiativen entstanden, die sich darum bemühen, die Vielfalt der Pflanzen zu erhalten, so zum Beispiel das Saatgutnetzwerk Arche Noah in Österreich oder der Verein VEN in Fulda. Hier in der Region bekannt ist vielen Eckart Brandt, der sich um den Erhalt alter Obstsorten bemüht oder der Bioland Kartoffelanbaubetrieb Ellenberg in der Nähe von Uelzen, der sich besonders im Zusammenhang mit der Kampagne zur Rettung der „Linda“ einen Namen machte.

 

Es ist möglich, auf kleinstem Raum zu gärtnern. Kartoffeln kann man in Eimern ziehen, Tomaten in Kübeln, Kräuter im Balkonkasten. Besonders mit Kindern macht diese Art des Gärtnerns großen Spaß. Für alle, die keinen Nachbarn zum Tauschen haben, gibt es die Möglichkeit, Saatgut zu bestellen, zum Beispiel bei dem Bio-Saatzuchtbetrieb Dreschflegel.

 

Mitglieder der BUND Ortsgruppe Schneverdingen schreiben monatlich einen „Tipp des Monats“ zu aktuellen Natur- und Umweltschutzthemen, den Sie auch auf www.bund-schneverdingen.de nachlesen können.


Hinweis in eigener Sache: Alte Kartoffelsorten können Sie am Gründonnerstag auf dem Marktstand vom BUND Schneverdingen kennenlernen.