Stieglitz – Vogel des Jahres 2016

„Wie oft erfreuen sie an grauem Wintertag den einsamen Wanderer, wenn sie dicht neben ihm von einer Distel auffliegen, die einzigen lebenden Wesen in weithin öder Flur. Ein Glück für die Stieglitze, daß von den vielgehaßten Disteln trotz behördlicher Ausrottungsverordnung dank der Gleichgültigkeit des Landmannes gegen seine Feinde und Freunde einige übrig blieben.“

Zitat aus: Otto Kleinschmidt, „Die Singvögel der Heimat“, Quelle und Meyer 1966

 

Stieglitz (Foto: NABU, Peter_Kuehn)

Stieglitz (Foto: NABU, Peter_Kuehn)

 

Was ist der „Vogel des Jahres“?

Seit mittlerweile 35 Jahren nominieren zwei große deutsche Naturschutzorganisationen, der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), eine bei uns heimische Vogelart als Jahresvogel. Kriterien für die Wahl sind die Gefährdung der jeweiligen Art und/ oder die Gefährdung der Lebensräume dieser Art. Mit der Wahl zum Jahresvogel wird mittels Medienbeiträgen oder Aktionen über Naturschutzkreise hinaus auch die breitere Öffentlichkeit auf die Vogelart und ihre Gefährdung aufmerksam gemacht. Der Wanderfalke war 1971 der erste Jahresvogel. Es folgten beispielsweise Eisvogel, Mehlschwalbe und Rebhuhn. Der diesjährige Jahresvogel ist der Stieglitz, bekannt auch als Distelfink.

Stieglitze im Flug (Foto: Laurie_Campbell, rspb_images_com)

Stieglitze im Flug (Foto: Laurie_Campbell, rspb_images_com)

 

Bunter Vogel

Ein Blick auf die Fotos verrät es: Nicht ohne Grund wurden und werden Distelfinken als Stuben- und Volierenvögel gehalten. Die ausgesprochen lebhafte, interessante Färbung ihres Federkleids macht(e) sie zu begehrten „Hinguckern“. Anfangs waren es ausschließlich Wildfänge, später kamen Zuchttiere hinzu. Noch heute finden sich vor allem im Internet zahlreiche Bezugsquellen für Stieglitze in der Nominatform sowie in verschiedenen Rassen und Formen aus einer Zucht. Wildlebende Exemplare dürfen dank EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979 zwar nicht mehr gefangen und gehandelt werden. Allerdings tauchen auch in Deutschland immer wieder illegale Wildfänge in Gefangenschaft auf. Eine nationale Ausnahmegenehmigung gestattet dem südeuropäischen Inselstaat Malta sogar den Netz-Fang von Finkenvögeln im Herbst und Winter. Hier landen die Tiere dann nach wie vor in Töpfen oder Käfigen.

Den Gesang des Stieglitz sollte man sich unbedingt anhören, zum Beispiel unter: www.deutsche-vogelstimmen.de/stieglitz

Andreas Schulze: Vogelstimmen erkennen / CD: Gesänge und Rufe von 75 heimischen Arten, BLV 2011, ISBN: 978-3835408586, ca. 10 €
Axel Gutjahr: Vögel zu Gast im Garten: Buch mit CD und QR-Code. Beobachten - bestimmen – schützen, Naumann & Göbel 2015, ISBN: 978-3625173205, ca. 10 €

Beim Distelfink singen übrigens auch die Weibchen, wenn auch nicht so laut und andauernd wie die Männchen.

Weitere Informationen zum Stieglitz einschließlich Material zum Bestellen unter:

www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/vogel-des-jahres/stieglitz/19624.html

 

Ohne Disteln kein Distelfink

Der Vogel trägt seinen Namen zu Recht. Er ernährt sich je nach Angebot von Stauden- und Baumsamen; wobei er Kratzdisteln, Gänsedisteln und Karden (die beiden letztgenannten zählen nicht zu den Disteln) den Vorzug gibt. Um die 150 Wildpflanzenarten konnten auf seinem Speisezettel nachgewiesen werden. Im Winter sieht man ihn gelegentlich gruppenweise in Erlenbeständen nach den Samen der Bäume suchen, oft vergesellschaftet mit anderen Finkenarten wie dem Grünfink und dem Girlitz. Zur Brutzeit verzehrt der Stieglitz auch tierisches Protein in Form von Insekten.

Distel mit Schmetterling (Foto: BK)

Distel mit Schmetterling (Foto: BK)

Wundern Sie sich übrigens nicht, wenn Sie den Stieglitz auf Gemälden sehen, die Passionsszenen oder die Geburt Christi darstellen. Wegen seiner Präferenz für Disteln gilt die Art als Symbol für Christi Opfertod (z. B. „Die Stieglitz-Madonna“ von Liberale da Verona).

 

Wie müsste eine stieglitzfreundliche Landschaft aussehen?

Der Distelfink steht schlechthin für eine strukturreiche Landschaft. Er ist innerhalb seines großen Verbreitungsgebietes in verschiedenen Lebensräumen – in der Regel in halboffenen Landschaften und Siedlungsbereichen – anzutreffen, deren gemeinsames Merkmal die Anwesenheit ausreichender Nahrungsquellen, sprich samentragender Pflanzen ist. Wo diese fehlen wird man den Stieglitz vergeblich suchen. Wo kann man ihn am ehesten finden? Auf Ruderalflächen und Brachen, an Straßenrändern, Schuttplätzen, in Hecken und Feldgehölzen, auf Streuobstwiesen, in samentragenden Blühstreifen oder Zwischenfruchtmischungen, an erlengesäumten Bachläufen – oder in naturnahen Gärten. Neben der Nahrung sind auch die passenden Strukturen für die Brut ein wichtiges Kriterium für die Habitatwahl der Art. Auf ausreichend Deckung und eine gute Sicht bedacht legt das Stieglitzweibchen das Nest bevorzugt in hohen Sträuchern oder Baumkronen an. Meistens hören wir den Stieglitz bevor wir ihn sehen (Gesang siehe oben). Wenn wir ihn sehen, dann entweder im finkentypischen wellenförmigen Flug oder auf seinen Nahrungspflanzen sitzend, hängend oder kletternd.

Brachfläche mit Distelbestand (Foto: BK)

Brachfläche mit Distelbestand (Foto: BK)

Die Realität sieht anders aus

So bunt wie der Vogel selbst sollten eigentlich auch seine Lebensräume sein. Die Realität sieht leider anders aus. Sowohl die Feldmarken, als auch innerstädtisches öffentliches Grün, als auch Privatgärten verarmen an Pflanzenarten und/ oder werden zunehmend intensiver gepflegt. Strukturarmut breitet sich aus nicht nur in deutschen Landen. Die Entwicklungen in der EU-Agrarpolitik ließen durch die Aufhebung von Pflichtstilllegungen Brachflächen verschwinden; Wegränder werden mit beackert oder aus Angst vor Verkrautung der Ackerflächen mit Pestiziden behandelt, subventionierte Blühstreifen, die im Herbst und Winter kleinflächig Nahrung und Deckung bieten könnten, werden meist vor der Samenreife untergepflügt. In den Städten verschwanden und verschwinden im Zuge der Innenraumverdichtung Brachen und Ruderalflächen. In den Gärten werden Wildkräuter in der Regel nicht geduldet, samentragende Stauden werden, soweit überhaupt vorhanden, aus Ordnungsliebe spätestens im Herbst zurückgeschnitten. Stattdessen werden gartenbesuchende Vögel im Winter unter oft schlechten Bedingungen gefüttert (siehe hierzu auch den Monatstipp November 2014 auf dieser Internetseite). Die Ablehnung von Disteln hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung tradiert und entzieht sich jeder Rationalität. Das geht sogar so weit, dass entlang von Wegen in Naturschutzgebieten die Blütenköpfe der Disteln abgerissen werden (gesehen in der Schneverdinger Osterheide).

 

Dies alles führte in den letzten Jahren dazu, dass selbst weit verbreitete und bis vor kurzem häufige Singvogelarten wie zum Beispiel der Stieglitz zum Teil massive Bestandsrückgänge aufweisen:  www.bfn.de/fileadmin/BfN/monitoring/Dokumente/ViD2014_Internet_barrierefr.pdf

Der Blühstreifen wurde leider vor der Samenreife untergepflügt, zum Glück blieben die Samenstände der Zwischenfrucht stehen. (Foto: BK)

Der Blühstreifen wurde leider vor der Samenreife untergepflügt, zum Glück blieben die Samenstände der Zwischenfrucht stehen. (Foto: BK)

 

Nicht nur für den Erhalt des Stieglitz wichtig wären:

1. eine EU-weite ökologische Agrarreform einschließlich Schutz und Entwicklung ökologischer Vorrangflächen wie Brachen und Feldgehölze,

2. eine naturnähere Pflege öffentlicher Grünanlagen einschließlich Ausweisung extensiv gepflegter Bereiche,

3.die Anlage bzw. der Schutz wildkrautreicher Strukturen in der offenen Landschaft und im Siedlungsbereich,

4. ein Umdenken bei der Gestaltung und Pflege privater Grundstücke und Gärten. Oft steckt hinter dem „Einheitsgrün“ ein Mangel an Ideen, die Angst vor Unbekanntem und die Sorge vor einem zu großen Arbeitsaufwand. Dies ließe sich ändern!

5. Die Schaffung einer Lobby für Disteln und andere Wildstauden durch breite Öffentlichkeitsarbeit. Man darf mit Traditionen brechen!

 

Was können Sie als Gartenbesitzer für den Stieglitz tun?

In jeden Garten passen Disteln. Zwar können sich die wenigsten mit Acker-Kratzdisteln auf dem eigenen Grundstück anfreunden, zumal sich diese nicht nur über Samen, sondern auch vegetativ über Wurzelausläufer (bzw. kleine und kleinste im Boden verbleibende Wurzelreste) gut vermehren. Persönlicher Tipp: Ein paar Ackerkratzdisteln begrenzt an einer Stelle im Garten stehen und zur Samenreife kommen lassen – es muss ja nicht gerade an der Grenze zum Nachbarn sein. Zudem gibt´s in der Gruppe der Kratzdisteln einige bei uns heimische Arten mit unterschiedlichem Aussehen, die wenigsten davon wuchernd, aber alle von unschätzbarem Wert für die Tierwelt. Sucht man im Internet nach Disteln für den Garten findet man zunächst viele Seiten zur Bekämpfung von Disteln. Internetversandhandel für Stauden bieten oft sterile, also unfruchtbare Pflanzen an, die folglich auch keine Samen ausbilden können. Man muss also wissen was man sucht. Eine gute Alternative zur fertigen Staude sind Samen. Folgende Links helfen Ihnen weiter:

www.naturgarten.org

www.rieger-hofmann.de

www.blauetikett.de

www.kraeuter-und-duftpflanzen.de

www.naturwuchs.de

Auch der NABU bietet auf seiner Internetseite Samenmischungen zum Bestellen an (siehe oben).

 

Neben Disteln können wir viele weitere samentragende Stauden in unseren Garten bringen und deren Samenstände dann auch tatsächlich den Winter über stehen lassen. Das ist für samenfressende Vogelarten einschließlich des Stieglitz ein viel größerer Gewinn als die Winterfütterung am Vogelhaus (siehe hierzu auch den Monatstipp April 2015 auf dieser Internetseite).

Ein artenreicher Blühstreifen im Garten liefert Nahrung für Insekten und Vögel. (Foto: BK)

Ein artenreicher Blühstreifen im Garten liefert Nahrung für Insekten und Vögel. (Foto: BK)

Die bis zu 1,50 Meter hohe Wilde Karde beispielsweise erinnert an eine Distel und ist doch nicht näher mit ihr verwandt, sondern zählt zu den Kardengewächsen, zu denen auch die Skabiosen und Witwenblumen gerechnet werden. Sie bietet den Stieglitzen ab September reichlich Samen. Der Clou: Die Blätter der Wilden Karde bilden Trichter, in denen sich bei Regen nicht unerhebliche Mengen an Wasser sammeln, das gerne von Vögeln aufgenommen wird.

Samenstand der Wilden Karde. (Foto: BK)

Samenstand der Wilden Karde. (Foto: BK)

Über die gepflanzten Stauden und ihre Nachkömmlinge hinaus bieten auch eher unscheinbare, kleinwüchsige Wildkräuter wie die Vogelmiere Stieglitzen Nahrung, sofern sie zur Samenreife gelangen dürfen. Also, auch diese Pflanzen ruhig einmal stehen lassen, z. B. zwischen den Stauden, an Wegen oder auf abgeernteten Gemüsebeeten. Die naturnahe Gestaltung des Gartens oder allein die Einbringung einzelner naturnaher Elemente lohnt sich auf jeden Fall!

 

Naturschutzverbände aktiv

Mit seiner Aktion „Bunte Meter für Deutschland“ werben die Naturschutzverbände NABU und LBV für den Stieglitz. Die Aktion besitzt ein großes Mitmach-Potential und spricht Gartenbesitzer und Landwirte, Kindergärten und weitere Naturschutzverbände gleichermaßen an. Weitere Informationen zu dem Projekt erhalten Sie auf der oben genannten Internetseite des NABU.

 

Hätten Sie´s gewusst?

Es gibt nicht nur den Vogel des Jahres. Von der Mikrobe des Jahres bis zur Flusslandschaft des Jahres stellen unterschiedliche Komitees Arten verschiedener Tier- und Pflanzengruppen, aber auch Lebensräume ins Rampenlicht der Öffentlichkeit.

www.bund.net/themen_und_projekte/naturschutz/natur_des_jahres

www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/aktionen-und-projekte/natur-des-jahres