Februar: Plastiktüte auf dem Prüfstand


…und kein Ende in Sicht

Im Jahr 1961 begann in Deutschland das Zeitalter der Plastiktüte. In der rheinischen Großstadt Neuss bekamen Kunden des Warenhauses Horten ihre Einkäufe erstmalig in Plastik eingetütet. Damals war das moderne Transportbehältnis ein Synonym für Fortschrittlichkeit und als solches erlebte die Tüte zunächst einen ungebremsten Siegeszug. Doch mit aufkommendem ökologischem Bewusstsein avancierte sie zum Symbol für Rohstoffvergeudung. Erst seit wenigen Jahren ist man sich der ganzen Tragweite des jahrzehntelangen Eintrags von Plastik in unsere Umwelt bewusst. Als Konsequenz wird voraussichtlich EU-weit der Verbrauch von Plastiktüten eingeschränkt werden.

Tütenflut in der EU

Das Ansehen der Plastiktüte leidet nicht erst seit gestern. Doch von der Resonanz auf eine im Sommer 2014 durchgeführte digitale Unterschriftenaktion war wohl selbst die Initiatorin, eine Berliner Studentin, überrascht: Innerhalb von drei Wochen sprachen sich über hunderttausend Menschen für eine Umweltabgabe auf Plastiktüten aus.

Parallel zu dieser Internetkampagne liefen im Europäischen Parlament in Brüssel Beratungen über künftige gesetzliche Vorgaben zur europaweiten Einschränkung der Tütenflut. Zurzeit werden in der EU mit ihren 28 Staaten jährlich mehr als 100 Milliarden Plastiktüten verbraucht, das sind rund 200 Tüten pro Kopf. An der Spitze steht Bulgarien mit 421, gefolgt von Tschechien mit 330 Tüten. Deutschland schneidet mit 71 Tüten pro Kopf und Jahr noch verhältnismäßig gut ab, liegt aber noch deutlich vor Irland und Luxemburg (jeweils 20 Tüten) (Statistik von 2010). Der EU-Schnitt liegt bei 198 Tüten.

Ein Müllstrudel so groß wie Mitteleuropa

Für die rund 18 Millionen Plastiktüten, die der Handel in Deutschland tagtäglich und weitestgehend kostenlos abgibt, werden pro Jahr etwa 200.000 Tonnen Rohöl verbraucht. Nach durchschnittlich 25 Minuten Nutzungsdauer landen die Tüten im Müll – oder in der Landschaft. Die Folgen für Natur und Umwelt sind folgenschwer. Vor allen in Ländern, in denen es keine Abfall- und Wertstoffverwertungssysteme gibt, gelangen Plastiktüten unkontrolliert in die Umwelt. Aufgrund ihrer Leichtigkeit und Windangreifbarkeit werden Tüten schnell verweht, setzen sich in der Vegetation fest, oder landen nach einem langen Weg über die Flüsse im Meer. Plastikmüll in den Ozeanen ist mittlerweile ein globales Umweltproblem. Vor allem in Meeresdriftströmungswirbeln im Atlantik, im Pazifik und im Indischen Ozean sammeln sich Plastikteile jeder Größe und drehen sich mit der Strömung mit einer Geschwindigkeit von rund zehn Zentimetern pro Sekunde in einem riesigen Kreis. Der Nordpazifikwirbel trägt den Beinamen „Großer pazifischer Müllfleck“. In diesem Wirbel von der ungefähren Größe Mitteleuropas werden drei Millionen Tonnen Müll vermutet, der Großteil davon besteht aus Kunststoffen verschiedenster Art.

Der Weg bis zum nordatlantischen Müllstrudel ist weit, doch irgendwann im Laufe ihres 450jährigen Daseins wird ihn wohl auch diese kleine Tüte im Osterweder Bach erreicht haben. (Foto:BK)

Der Weg bis zum nordatlantischen Müllstrudel ist weit, doch irgendwann im Laufe ihres 450jährigen Daseins wird ihn wohl auch diese kleine Tüte im Osterweder Bach erreicht haben. (Foto:BK)

 

Langlebiges Problem

Die Umweltgefährlichkeit der Plastiktüten ist zum einen bedingt durch ihre Langlebigkeit. Etwa 450 Jahre dauert es nach Schätzung von Experten, bis von der ursprünglichen Tüte nichts mehr übrig ist. Doch bis dahin ist es langer Weg: Durch Wellenbewegung und Sonneneinstrahlung wird der Plastikmüll in den Weltmeeren immer weiter zerkleinert, bis hin zum Plastikpulver. Neben frei treibenden Netzen sind vor allem Plastiktüten für den Tod zahlreicher im und vom Meer lebender Tiere verantwortlich. Jahr für Jahr sterben zehntausende Wale, Robben, Haie, Meeresschildkröten und Meeresvögel, weil sie die Tüten mit Beutetieren (z. B. Quallen) verwechseln, sie fressen oder ihre Jungtiere damit füttern. Viele der Tiere verhungern mit einem plastikgefüllten Magen. Am Meeresboden verfangen sich Plastiktüten an Korallen, nehmen ihnen Nahrung und Licht und führen damit zum Absterben der Kolonien. Plastik findet sich mittlerweile in allen Meeren, in allen Wassertiefen von der Wasseroberfläche bis zum Meeresgrund und an allen Stränden.

Gefahr im Nanobereich

Ein besonderes Problem stellt das so genannte Mikroplastik dar. Dies sind Plastikteile mit einer Größe von weniger als 5 Millimetern, bis hinunter in den Mikro- und Nanobereich, also Bruchteilen von Millimetern. Mikroplastik wird beispielsweise Kosmetikprodukten beigesetzt um ihre Reinigungsleistung zu erhöhen. Über Kläranlagen gelangen die winzigen Teile aus den heimischen Badezimmern letztendlich bis in die Meere. Zum anderen entsteht Mikroplastik im Meer, wie bereits angesprochen, aus größerem Plastikmüll durch mechanische Zerkleinerung und UV-Einfluss. Das besonders Fatale: Aufgrund der Oberflächenbeschaffenheit der Mikroplastikteile setzen sich Giftstoffe verschiedenster Art an ihnen fest. Die Konzentration dieser Stoffe auf den Kunststoffteilchen ist oft wesentlich höher als die des umgebenden Meerwassers. Mikroplastikpartikel werden von besonders vielen Meeresbewohnern aufgenommen: Tierisches Plankton, selbst maximal 5 Millimeter groß, frisst den Kunststoff samt der anhängenden Gifte. Größere Organismen fressen das vergiftete Plankton sowie das mit dem Plankton vermischte pure Mikroplastik. Große Bartenwale wie der Blauwal fressen täglich immense Mengen des Planktons, in den Sommermonaten im Tonnenbereich. Neben tierischem Eiweiß gelangen dabei erhebliche Mengen Kunststoff in ihre Mägen. Die miteingeschleusten Umweltgifte beeinträchtigen die Fruchtbarkeit, verursachen Nervenschädigungen oder Krebs. Viele Gifte haben die Eigenschaft, sich aufgrund ihrer chemischen Stabilität und Fettlöslichkeit im Gewebe von Organismen anzureichern. Das bedeutet: bei jedem Glied der Nahrungskette steigt die Giftkonzentration. Die höchsten Konzentrationen landen letztendlich beim Endverbraucher, und dies ist neben großen Raubfischen und Seevögeln in der Regel der Mensch. Fazit: Mit jeder Fischmahlzeit gelangt Mikroplastik und mit diesem Gift auf unsere Teller.

Was ist geplant?

Obwohl das Plastik-Desaster längst erkannt ist, handelt der Gesetzgeber eher verhalten. Vorgesehen ist eine europaweite Reduktion der Tüten, alternativ die Erhebung einer Gebühr für die Abgabe von Tüten in allen EU-Mitgliedsstaaten. Doch längst nicht alle Tüten sind von dieser Neuregelung betroffen, sondern lediglich dünne Einwegtragetaschen mit einer Wandstärke von weniger als 0,05 Millimeter. Die kostenlose Abgabe dieser Tüten in beispielsweise Drogeriemärkten, Bekleidungsgeschäften, Apotheken oder auf Märkten ist seit Jahrzehnten tradiert. Mit etwas Glück wird man gefragt ob eine Tüte gewünscht wird, oft wird die Ware wie selbstverständlich eingetütet. Dickere Plastiktüten fallen ebenso wenig unter das zu erwartende Gesetz wie die ganz dünnen Beutel, die vor allem in Obst- und Gemüseabteilungen oder an der Fleisch- und Wursttheke verwendet werden. Den stabilen Tüten wird vom Gesetzgeber eine Mehrfachverwendung attestiert, die hauchdünnen Tüten werden aus Hygienegründen als alternativlos betrachtet. Man befürchtet, dass ihr Verbot noch umweltschädlichere Verpackungen, beispielsweise aus Schaumstoff, fördern könnte. Ein Ende der Ära Plastiktüte ist folglich noch nicht in Sicht. Entschließt sich Deutschland mit einem derzeitigen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 71 Tüten für Variante A, Minderung des Verbrauchs auf 90 Tüten pro Kopf bis zum Jahr 2019 bzw. 45 Tüten pro Kopf bis 2025, wird sich hierzulande voraussichtlich nicht viel ändern. Sinnvoller und leichter regulierbar scheint Variante B, Abgabe der dünnen Tüten nur gegen Gebühr. Was in Irland funktioniert hat (Der Verbrauch wurde nach Einführung einer Abgabe von 22 Cent von 328 auf 16 Stück gesenkt.), geht ja vielleicht auch auf EU-Ebene. Eine Entscheidung wird für das kommende Frühjahr erwartet.

Die Devise heißt: Verzicht

Am einfachsten und unbürokratischsten ist es natürlich, eigeninitiativ zu werden, selbst komplett auf Plastiktüten zu verzichten und gemäß des Mottos „Tu Gutes und rede darüber.“ zu handeln. Viele Konsumenten sind sich der Plastik-Katastrophe und ihres Beitrags nicht bewusst. Man benötigt aber kein grundlegendes ökologisches Verständnis um sich vorstellen zu können, dass beispielsweise Plastik im Meer nichts Gutes bedeuten kann. Je häufiger das Problem thematisiert wird, umso eher kann sich ein Umdenken einstellen. Neben Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit ist es Bequemlichkeit, die Verbraucher immer wieder zur Tüte greifen lässt. Sie ist halt praktisch, universell verfügbar und in der Regel kostenlos. Mit einem Werbeaufdruck versehen, wird sie (bzw. der Inhalt) nicht selten zum Statussymbol. Dieses Image der Tüte muss sich grundlegend ändern. Der Satz „Nein, danke, ich brauche keine Tüte.“ ist unmissverständlich und hat das Potential ansteckend zu wirken.

Die freie Verfügbarkeit dünnwandiger Tüten in den Obst- und Gemüseabteilungen von Supermärkten und Discountern verführt viele Kunden, frische Ware hierin zu verpacken. Aber diese lässt sich genauso gut lose auf das Fließband legen. Keimfrei waren die Produkte schon vorher nicht, ein Abwaschen empfiehlt sich daher auf jeden Fall. Beim Kauf von Käse und Wurst an der Theke befüllen manche Läden mitgebrachte Kunststoffboxen. Die Mitarbeiter vieler Läden lehnen dies jedoch aus hygienischen Gründen ab. Möglicherweise kann dieses Thema mit der Marktleitung diskutiert werden. Auch ohne die genannten Beispiele landet beim durchschnittlichen Kunden am Ende eines Einkaufstages jede Menge Verpackungsmüll im Gelben Sack oder in der Tonne.

Alternativen

Hieran mangelt es sicher nicht. Aber nicht jede scheinbar gute Alternative ist aus ökologischer Sicht uneingeschränkt empfehlenswert. Papiertüten beispielsweise lassen sich zumeist problemlos recyceln, die Herstellung einer Papiertragetasche belastet die Umwelt jedoch stärker als die Produktion einer Plastiktüte. Eine Tüte aus Papier muss durchschnittlich dreimal länger als eine vergleichbare Tüte aus Kunststoff genutzt werden, damit die Energiebilanz hinsichtlich der Herstellung der beiden Produkte in etwa übereinstimmt. Baumwolltragetaschen müssten sogar rund dreißigmal so lange im Gebrauch sein. Papiertüten ziehen aufgrund mangelnder Reißfestigkeit bei diesem Vergleich in der Regel den Kürzeren und sind daher keine gute Alternative. Bei Taschen aus Baumwolle und Jute sieht es da schon besser aus: Die Produktion der Rohstoffe bringt zwar Flächenverbrauch, Pestizideinsatz und hohen Wasserverbrauch mit sich. Durch Langlebigkeit machen Taschen aus diesen Materialien den Nachteil allerdings wieder wett. In manchen Haushalten finden sich noch jetzt die einfachen Jutetaschen aus den frühen 1980ern, die dem Plastiktütenboom den aufgedruckten Slogan „Jute statt Plastik“ entgegensetzten. Baumwollbeutel sind robust, waschbar und reparabel. Ganz allgemein gilt: Je öfter eine Tüte oder Tragetasche benutzt wird, umso besser für die Umwelt. Körbe aus Naturmaterialien eignen sich beispielsweise besonders für den Einkauf von Obst und Gemüse. Hierin können selbst empfindliche Delikatessen wie Pilze den Transport unbeschadet überstehen – ohne extra in Plastik verpackt zu sein.

Aus alten oder nicht mehr passenden Leinen- oder Baumwollkleidungsstücken, Tischdecken oder Bettwäsche lassen sich individuelle Einkaufstaschen selber nähen, will man die Textilien nicht einer karitativen Einrichtung zuführen. Dazu braucht es kein großes handarbeitliches Geschick, sondern lediglich Stoff, eine Nähmaschine und ein wenig Zeit. Wer es etwas raffinierter haben möchte, findet Anregungen und Anleitungen in den mittlerweile zahlreich erschienenen Büchern oder im Internet. Auch verfilzte Wollpullover lassen sich übrigens zu Taschen verarbeiten. Allerdings sollten Sie auch hier darauf achten, dass die fertige Tasche waschbar, leicht zu reparieren und möglichst lange haltbar ist, sonst wäre es schade um die Arbeit.

Tüte-vorher

 Tüte-nachher

Nur ein wenig Geschick ist erforderlich, um aus alten Stoffresten einen individuellen Einkaufsbeutel zu nähen, der jederzeit griffbereit sein kann.

Übrigens

Wer meint, die EU mit ihrer zu erwartenden Entscheidung verhalte sich weltweit beispiellos, irrt. Australien beispielsweise will Plastiktüten komplett abschaffen, in einigen Gebieten sind sie bereits verboten. Im Inselstaat Papua-Neuguinea sind Plastiktüten aus Gründen des Natur- und Umweltschutzes bereits seit 12 Jahren offiziell verboten. Bangladesch zog Konsequenzen aus mit Plastiktüten verstopften Abwasserkanälen, die während des Monsuns das Überschwemmungsrisiko erhöhten, und sprach vor 15 Jahren ein Komplettverbot aus.

Literaturtipp

 

www.bund.net/mikroplastik, Faltblatt „Mikroplastik die unsichtbare Gefahr“ als pdf-Download und www.bund.net/mikroplastik-liste als Einkaufsratgeber-Download

Werner Boote

Plastic Planet“

DVD

2013

ca. 10 €

Sandra Krautwaschl

“Plastikfreie Zone: Wie meine Familie es schafft, fast ohne Kunststoff zu leben”

Heyne Verlag 2012

ISBN 978-3453602298

ca. 9 €

Amanda McKittrick, Annika Loose

„Taschen für jedes Beutelschema: 25 Stoffbeutel zum Selbernähen“

Edition Michael Fischer 2014

ISBN 978-3863552381

ca. 17 €