Die Erste des Frühlings – Die Echte Schlüsselblume

Der Volksmund hat der Pflanze zahlreiche Namen gegeben. Himmelsschlüssel, Wiesenschlüsselblume, Wiesenprimel, Duftende Schlüsselblume, Arzneiprimel sind nur einige wenige Beispiele. Die Rede ist von der Echten Schlüsselblume, mit wissenschaftlichem Namen Primula veris.

Foto: H. Timmann, Loki Schmidt Stiftung

Foto: H. Timmann, Loki Schmidt Stiftung

Die Schlüsselblume spricht viele Menschen emotional an. Dies ist einer der Gründe weshalb die Schneverdinger Ortsgruppe des BUND an Gründonnerstag auf dem Schneverdinger Wochenmarkt Sämlinge an interessierte Personen verteilt hat. Die Handzettel für die Ausstellung „Leben wieder leben lassen, Schritte zum Naturgarten“. des BUND und des Vereins Naturgarten ziert ebenfalls die Echte Schlüsselblume (siehe auch unter „Termine“ auf dieser Internetseite).

Handzettel Ausstellung (Foto: BK)

Namensgebend

Des Latein Kundige erkennen es sofort: Der Gattungsname Primula leitet sich ab von „Primus“ – „der Erste“, der Artname veris von „ver“ für Frühling. Tatsächlich ist die Schlüsselblume ein so genannter Frühblüher, aber mitnichten die erste Blütenpflanze im Jahr. Unter den bei uns heimischen Arten entfalten Schneeglöckchen, Märzenbecher und Gänseblümchen in der Regel bereits im Februar ihre Blüten. Doch die beiden erstgenannten Arten kamen ursprünglich ausschließlich auf feuchten, nährstoffreichen Böden vor, erst später hielten sie Einzug in die Gärten. Dem Gänseblümchen als botanischen „Allrounder“, dem man alltäglich begegnete, schenkte man eher weniger Beachtung. Und so war die auffallend gelb blühende, wohlduftende Schlüsselblume zumindest auf trockenen Wiesen, auf Halbtrockenrasen, in lichten Laubwäldern und an Waldrändern auf Kalkstandorten im März die erste Blume die vom nahenden Frühling kündete. Ihre Blütezeit endet bei uns meist schon im April, zieht sich in Skandinavien aber bis zum Juni hin.

Gertrud Scherf "Wiesenblumen. Der etwas andere Naturführer", BLV 2005, ISBN: 978-3405169091, Preis: ca. 10 €
Bertram Münker „Wildblumen Mitteleuropas“, Mosaik 1996, ISBN: 978-3576105638, Preis: ca. 10 €
Foto: A. Jahn, Loki Schmidt Stiftung

Foto: A. Jahn, Loki Schmidt Stiftung

Der Name „Schlüsselblume“ ist seit mindestens 600 Jahren bekannt. Wie kam die Pflanze zu diesem Namen? Mit gutem Willen kann man in ihren doldigen Blütenstand mit bis zu zwanzig Einzelblüten einen Schlüsselbund hineininterpretieren. Mir persönlich gefällt die Erklärung besser, die Bezug nimmt auf den frühen Blühzeitpunkt: Die Schlüsselblume schließt das Tor zum Frühling auf.

Frühlingskind

Als echter Frühblüher verfügt die Echte Schlüsselblume über ein kräftiges Rhizom, ein unterirdisches Speicherorgan, das keine Wurzel, sondern Teil des oberirdisch wachsenden Sprosses ist. Vorjährig angelegte zwiebelförmige Erneuerungsknospen am Rhizom wachsen im folgenden Frühjahr zu neuen Trieben aus. Dank der im Rhizom gespeicherten Nährstoffe vermag die Pflanze früh im Jahr auszutreiben und zu blühen. Somit erhält sie Licht und Nährstoffe, bevor konkurrenzkräftigere Arten sich entfalten können.

Je nach Standort erreicht die Echte Schlüsselblume eine Wuchshöhe bis maximal 30 Zentimeter.

Ein auffälliges Merkmal der Echten Schlüsselblume sind die dottergelben, intensiv süß duftenden Blüten mit fünf orangefarbenen Flecken im unteren Bereich der Blütenblätter direkt oberhalb der Röhre, zu der die Blütenblätter an der Basis verwachsen sind. Der nahe verwandten und äußerlich sehr ähnlichen Art Hohe Schlüsselblume (Primula elatior), die an frischen bis feuchten Standorten vorkommt, fehlen die Saftmale und sie duftet weit weniger stark.

Vorgetäuscht

Saftmale sondern keinen Saft ab, wie ihr Name vielleicht vermuten lässt. Vielmehr sind sie Pollenattrappen, die blütenbesuchenden Insekten signalisieren: Hier gibt´s was zu holen! Eiweißreicher Pollen spielt eine tragende Rolle für die Ernährung von Insekten und ist heiß begehrt. Es wäre schlecht für die Pflanze, wenn sämtlicher von ihr produzierter Pollen in den Mägen hungriger Insekten (im Falle der Schlüsselblume Hummeln und Schmetterlinge) landen würde, braucht sie ihn doch zur Fortpflanzung. Andererseits sind insektenbestäubte Blütenpflanzen auf die Hilfe ihrer tierischen Besucher als Pollenüberträger angewiesen. Im Laufe der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Blütenpflanzen entstanden daher die Saftmale als Lockelement, die im Gegensatz zu vorher frei zugänglich liegendem Pollen den Verlust durch Fraß minimierten. Übrigens besitzen sehr viele Blütenpflanzen Saftmale, die zwar generell eine andere Farbe besitzen als der Rest der Blüte, für das menschliche Auge jedoch oft nicht sichtbar sind. Saftmale können aber noch mehr: Durch Veränderung ihrer Farbe geben sie blütenbesuchenden Insekten Auskunft über die jeweilige Nektarmenge in den Blüten.

Foto: A. Jerzewski, Loki Schmidt Stiftung

Foto: A. Jerzewski, Loki Schmidt Stiftung

Gesetzlich geschützt

Aus meiner Kindheit in den 1960er und 1970er Jahren kenne ich noch die dörfliche Tradition im Frühjahr mit dem Bollerwagen in den Wald zu ziehen, entlang des Bachufers Schlüsselblumen (in diesem Fall die Hohe) auszugraben und im Garten wieder einzusetzen. Einige dieser Pflanzen haben tatsächlich überlebt und sich im Garten etabliert. Das Umweltbewusstsein war zu der Zeit bekanntermaßen nur rudimentär ausgebildet und ging eher in eine andere Richtung. Seit dieser Zeit sind beide Schlüsselblumen-Arten in vielen Regionen Deutschlands stark zurückgegangen und heute in ihrem Bestand gefährdet. Neben Direktentnahmen war es vor allem die Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Arten durch Intensivierung der Landnutzung, Umbruch und Versiegelung von Flächen, erhöhten Nährstoffeintrag aus der Luft und zunehmender Düngung sowie Aufgabe der Beweidung von Magerstandorten mit einhergehender Verbuschung.

Gemäß Bundesartenschutzverordnung ist die Echte Schlüsselblume heute deutschlandweit geschützt – ebenso wie die Hohe Schlüsselblume. Entnahmen aus der Natur sind damit unter Strafe verboten.

Blume des Jahres 2016

Die Loki Schmidt Stiftung mit Sitz in Hamburg hat die Echte Schlüsselblume zur „Blume des Jahres“ 2016 gewählt. Mit der Aktion „Blume des Jahres“ macht die Stiftung bereits seit 1980 auf gefährdete Pflanzenarten und ihre Lebensräume aufmerksam.

Auf der Internetseite der Stiftung können verschiedene Materialien zum Thema bestellt werde, so zum Beispiel ein Kalender mit Motiven der Jahresblume, Grußkarten oder Samenpostkarten. www.loki-schmidt-stiftung.de

Ein Küchenschatz im Naturgarten

Auch wenn die Echte Schlüsselblume im Norddeutschen Tiefland westlich der Elbe weitgehend fehlt, ist dies kein Grund, sie nicht in unseren Gärten anzusiedeln. Das ist einfacher als vielleicht vermutet, zumindest braucht man keinen speziellen Platz für sie einzuplanen.

Platz ist in der kleinsten Nische (Foto: A. Mader)

Platz ist in der kleinsten Nische (Foto: A. Mader)

Lehmiger Boden ist eine gute Voraussetzung für ihr Gedeihen, der Boden sollte ferner eher stickstoffarm sein, reichlich Humus enthalten und kann bei Bedarf etwas mit kohlensaurem Kalk, Hüttenkalk, Kalkmergel (empfehlenswert für Sandböden) oder Algenkalk versorgt werden. Sollten Sie sich nicht sicher sein ob Ihr Boden über ein ausreichend hohes Kalkdepot verfügt, lassen Sie es lieber testen – deutschlandweit sind viele Gartenböden mit Kalk überversorgt. Wichtig ist eine bedarfsgerechte Kalkung, und diese ist grundsätzlich von der Bodenart abhängig. Gelegentlich bieten die örtlichen landwirtschaftlichen Genossenschaften Aktionen an, zu denen jeder Gartenbesitzer schnell und kostengünstig eine Bodenprobe testen lassen kann. Die Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalten testen ganzjährig auf Anfrage. www.lufa-nord-west.de

Die Schlüsselblume liebt sonnige bis halbschattige Plätze. Sie kann im Garten folglich frei auf Rasen, Wiesen oder Rabatten oder aber unter locker stehenden Gehölzen gepflanzt werden. Rasenflächen sollten im Frühjahr allerdings erst dann gemäht werden, wenn die Pflanzen eingezogen und damit quasi von der Rasenfläche verschwunden sind. Nur dann ist gewährleistet, dass in ihrem Rhizom ausreichend Nährstoffe für die nächste Blühperiode gespeichert sind. Welches sind gute Nachbarn der Schlüsselblume in gemischter Pflanzung? Wer die Kombination gelb-blau mag, ist gut beraten mit ebenfalls früh blühenden Arten wie Lungenkraut, Horn-Veilchen (Wildform) oder Frühlings-Platterbse. In Kombination mit Geranium-Arten (Storchschnabel) gepflanzt wird das Laub der einziehenden Schlüsselblumen durch die bodendeckend wachsenden Pflanzen verdeckt.

Vermehrt wird die Schlüsselblume über Aussaat. Nach der Keimung wächst die Pflanze auf und blüht erst im darauffolgenden Jahr. Wenn ihnen der Standort gefällt, breiten sich die Pflanzen durch Sämlinge weiter aus.

Selbst in Töpfen fühlt sich die Schlüsselblume wohl (Foto: A. Mader)

Selbst in Töpfen fühlt sich die Schlüsselblume wohl (Foto: A. Mader)

Bezugsquellen Saatgut:
www.naturgarten.org
www.rieger-hofmann.de
www.blauetikett.de
www.kraeuter-und-duftpflanzen.de
www.naturwuchs.de
www.loki-schmidt-stiftung.de

Sollten Ihnen die Schlüsselblumen in Ihrem Garten irgendwann „über den Kopf wachsen“, können Sie die Pflanzen weitergegeben oder nach Belieben ernten und zur Bereicherung des Speiseplans verwenden. Gemeinsam mit den Blättern anderer Wildkräuter eignen sich Schlüsselblumen-Blätter für die Zubereitung von beispielsweise Salaten und Suppen. Die beste Erntezeit ist das Frühjahr vor der Blütezeit, wenn die Blätter noch jung und zart sind. Die Blüten lassen sich gut zur Dekoration verwenden oder aber getrocknet für eine natürliche Süße in Desserts.

 

Zum Nachkochen: Dinkelsuppe mit Wildkräutern für Frühjahrsmüde
25 g Dinkelvollkornmehl
1 EL Olivenöl
½ l Wasser
½ l Milch
25 g gemischte Wildkräuter (z. B. Vogelmiere, Spitzwegerich, Weißer Gänsefuß, Schafgarbe, Giersch, Brennnessel, Sauerampfer, Schlüsselblume)
Salz, weißer Pfeffer, Muskatnuss
Mehl in heißem Öl rösten bis es duftet, Wasser-Milch-Mischung einrühren, 10 Minuten unter Rühren köcheln lassen, feingehackte Kräuter einrühren und 5 Minuten weiter kochen, würzen.

 

Schon Hildegard kannte die heilende Wirkung

Als Bereicherung des Naturgartens lässt sich die Schlüsselblume allerdings nicht nur verspeisen – ihre Inhaltsstoffe werden bereits seit dem Mittelalter bis heute zur Linderung körperlicher Beschwerden und Heilung von Krankheiten eingesetzt. Wurde sie vor Jahrhunderten zur Behandlung Gichtkranker verwendet, finden sich Extrakte der Blüten und des Rhizoms heutzutage vor allem in Hustensäften und Hustentees. Über nervöse Reizleitung vom Magen zur Bronchiealschleimhaut bewirken die in der Schlüsselblume enthaltenen Saponine über Schleimbildung eine Linderung des Hustenreizes. Auch bei Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Herzschwäche soll Schlüsselblumentee oder –tinktur seine Wirkung zeigen. Hildegard von Bingen setzte im 12. Jahrhundert auf äußere Anwendungen der Pflanze gegen Melancholie.

Siegfried Bäumler „Heilpflanzen Praxis heute“, 2 Bände, Urban & Fischer Verlag 2013, ISBN: 978-3437572746, Preis: ca. 100 €

Manche Menschen reagieren bei der Berührung von Schlüsselblumen allerdings mit Hautausschlag – oder mit Übelkeit und Erbrechen bei innerer Anwendung. Die so genannte „Primelallergie“ tritt nicht nur bei gärtnernden Personen recht häufig auf und kann auch durch die zahlreiche Kulturformen der Primel ausgelöst werden.

Die Pflanzen für die Herstellung der Arzneimittel stammen übrigens weitestgehend aus Wildsammlungen unserer Nachbarländern, in denen die Schlüsselblume nicht unter gesetzlichem Schutz steht. Auch hier sind die Bestände mehr oder weniger gefährdet.

Zuchtform

Aus den Wildformen der Schlüsselblumen wurde im Laufe der Zeit eine Großzahl an bunten Varietäten herausgezüchtet, die ab dem Spätwinter in Gärtnereien, Supermärkten, auf Märkten und an Primel-Tagen oft zum Spottpreis unter das Volk gebracht werden. Jeder kennt sie. Die wildwachsende Schlüsselblume hingegen ist vielen bisher unbekannt geblieben. Dabei lohnt es sich, ihre Bekanntschaft zu machen!