April: Augenweide – Bienenweide

Naturnahe Stauden für den Garten

Ein bunt blühender Staudengarten ist Lebensfreude pur. Im Gegensatz zum monotonem Einheitsgrün, das viele Gärten in Deutschland prägt, sind staudenreiche Gärten Blickfänge, Orte zum Wohlfühlen, zum Staunen und Verweilen. Und sie können ein Lebensraum für zahlreiche Tierarten sein. Die gute Nachricht: Jeder Garten lässt sich in einen Staudengarten verwandeln. Ausschlaggebend ist nicht die Größe sondern das Gewusst-wie. Warum also nicht gleich damit beginnen?
Hier gibt es eine STAUDENLISTE zum Download.

 

Was versteht man unter einer Staude?

Stauden sind ganz allgemein mehrjährige krautige Pflanzen. Mehrjährig bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch, dass das Leben der Pflanzen nicht bereits nach einem Jahr mit Abschluss der Samenreife endet, sondern länger, mindestens aber zwei Jahre währt. Den Winter überleben Stauden unterirdisch in einem Wurzelstock oder in einem Erdspross (Rhizom), einige Arten auch oberirdisch.

Wer „Staude“ hört denkt möglicherweise als erstes an großblumige Gewächse in Parks und Schaugärten. Doch hinter dem Begriff „Staude“ verbergen sich oft schlichte Schönheiten und viele auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Gewächse. Auch Pflanzen, die allgemein eher zu so genannten „Unkräutern“ oder aber Küchenkräutern gezählt werden, wie Gemeiner Löwenzahn, Große Brennessel, Kriechender Hahnenfuß, Schnittlauch, Pfefferminze, Liebstöckel oder Oregano. Von der Brennnessel wissen wir, dass sie mit ihren Blättern die Raupen von zahlreichen Schmetterlingsarten ernährt. Sie sollte daher in keinem naturnahen Garten fehlen. Am wohlsten fühlt sie sich an einem nährstoffreichen Platz, z. B. am Komposthaufen. Eine Ausbreitung der Brennnessel im Garten lässt sich durch Ausgraben der Wurzelausläufer verhindern. Auch Küchenkräuter dürfen ruhig blühen – ihre meist kleinen Blüten locken viele Insekten an.

 

Was bedeutet „naturnah“?

„Naturnah“ ist ein recht dehnbarer Begriff und wird im Naturschutz, in der Landschaftspflege, in der Forstwirtschaft, in der Landwirtschaft, im Gartenbau sowie in weiteren Disziplinen als Synonym für „der Natur entsprechend/ ähnelnd“ oder „auf die Natur abgestimmt/ ihr verbunden sein“ verwendet. In Bezug auf Stauden versteht man hierunter streng genommen keine Wildstauden, sondern züchterisch veränderte Pflanzen, die der Wildform in Aussehen, Ansprüchen und Wuchsverhalten und in ihrer Bedeutung für heimische Insekten sehr ähnlich sind. Der züchterische Einfluss schlägt sich oft in der Größe und Farbe der Blüten nieder. Reicht er so weit, dass die pollenspendenden Staubgefäße und/ oder die Nektarien zugunsten weiterer Blütenblätter „weggezüchtet“ wurden, kann man nicht mehr von naturnah sprechen. Das Extrem sind komplett gefüllte Blüten, die zwar noch manches Menschen Auge erfreuen, aber Insekten verhungern lassen. Kein Pollen und kein Nektar mehr, dafür eine Vielzahl zusätzlicher Blütenblätter.

Storchschnabel (Geranium) - Sorten gibt es in vielen Farbvarianten. Alle Sorten sind unkomplizierte Bodendecker und Nektarspender. (Foto: AM)

Storchschnabel (Geranium) – Sorten gibt es in vielen Farbvarianten. Alle Sorten sind unkomplizierte Bodendecker und Nektarspender. (Foto: AM)

Eine kleine Auswahl an naturnahen Stauden finden Sie in der Liste im Anhang. Eine weitaus größere Auswahl finden Sie in diversen Büchern, Zeitschriften oder im Internet (siehe auch den Literaturtipp).

 

Wildstaude oder naturnahe Staude?

Wildstauden sind in der Regel robuster und gesünder als Zuchtformen, benötigen zum Gedeihen weniger Pflege und keinen Dünger. Viele Zuchtformen hingegen wurden und werden noch immer häufig über lange Zeiträume in Bauerngärten kultiviert. Auch sie zeichnen sich in der Regel durch Widerstandsfähigkeit und Pflegeleichtigkeit aus.

Naturnahe Stauden können Zuchtformen sowohl von heimischen als auch von nichtheimischen Wildstauden sein. Unsere heimischen Insekten fliegen bei der Nahrungssuche auch nichtheimische Pflanzenarten an, vorausgesetzt, in ihren Blüten befinden sich Pollen und/ oder Nektar. Letztendlich ist es Geschmackssache welche dieser Stauden wir in unseren Garten holen.

Zypressen-Wolfsmilch (Foto: AM)

Die Zypressen-Wolfsmilch wird von zahlreichen Insekten besucht. Als Wildpflanze gilt sie inzwischen als gefährdet.

 

Staude und Insekt – eine Einheit

Unsere heimischen Insektenarten haben sich im Laufe ihrer Jahrtausende währenden Entwicklung (Evolution) an die heimischen Pflanzenarten als ihre Nahrungsgrundlage angepasst. Die Große Brennessel war bereits zu der Zeit Nährpflanze für die Raupen von Tagpfauenauge, Kleinem Fuchs, Admiral usw., als der Mensch noch als Sammler und Jäger durch die Savanne streifte. Heute wird die Brennnessel von vielen nur als Unkraut gesehen, das es zu vernichten gilt.

So wie Tiere sich über lange Zeiträume in ihrem Aussehen, ihrer Entwicklung und ihrem Verhalten an die Pflanzen adaptiert haben, fanden auch umgekehrt Entwicklungen statt. Die spektakulärsten Anpassungserscheinungen in der heimischen Pflanzenwelt finden wir beispielsweise bei einer Gruppe von Orchideen, den Ragwurzen, die mit mehreren Arten in Deutschland vertreten sind. Die Ragwurzen sind bekannt für ihren speziellen Bestäubungsmechanismus. Nicht nur, dass die Blüten in Farbe und Form blütenbestäubenden Insekten stark ähneln. Die Pflanzen produzieren sogar Duftstoffe, die Kopien der Gerüche weiblicher Insekten sind. Von diesen Düften angelockt orientieren sich anfliegende männliche Insekten zudem noch an der Blütenbehaarung, die in ihrer Ausrichtung der Behaarung der Insektenkörper entspricht. Pflanze und Insekt stehen in diesem Fall in einer starken Abhängigkeit zueinander.

Wir müssen aber keine Orchideen suchen, auch in unserem Garten können uns evolutionäre Anpassungserscheinungen zum Staunen bringen. Stauden mit langen Blütenröhren wie beispielsweise der Beinwell werden meist von langrüsseligen Hummeln wie der Ackerhummel bestäubt. Kurzrüsselige Hummelarten, wie z. B. die Steinhummel, die sich den Beinwellnektar nicht entgehen lassen möchten, haben es gelernt, sich einfach durch die Blüte hindurch zu beißen um an die Nektarien zu gelangen.

Viele Staudenarten sind weit weniger spezialisiert als Ragwurz oder Beinwell, haben beispielsweise offen liegende Nektarien, und locken mit ihren Blüten eine Vielzahl unterschiedlicher Insekten an. Zum Beispiel die Wilde Möhre (siehe auch den Tipp des Monats August 2014).

Wie so oft im Leben gilt auch im Garten die Devise: Je vielfältiger desto interessanter wird es. Wobei Vielfalt nicht bedeutet, möglichst viele exotische Pflanzen zu kultivieren. Vielmehr sollte bei der Auswahl der Stauden an die unterschiedlichen Ansprüche der tierischen Nutzer gedacht werden. Die unterschiedliche Form der Blüten ist eine Größe, der Zeitpunkt des Blühens eine weitere. Optimalerweise blüht es im Garten vom ausgehenden Winter bis zum Spätherbst. Die frühesten Stauden sind sicher die Christrosen, zu den spätesten zählen die verschiedenen Astern. So ist der Tisch für Insekten während ihres gesamten Entwicklungszyklus gedeckt. Besonders wichtig ist ein Angebot an Pollen und Nektar im zeitigen Frühjahr, wenn die ersten Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge unterwegs sind, und die Honigbienen die erste eiweißreiche Nahrung für ihre Larven eintragen. Zwischen die Stauden gesetzte Frühblüher wie Krokus und Blaustern liefern ihnen erste Energie im Jahr. Die zweite, in Bezug auf die freie Landschaft blütenarme Zeit ist der Spätsommer. Dieser braucht im Garten nicht blütenarm zu sein, denn es steht ein großes Angebot an Spätsommerblühern zur Auswahl.

Den prächtigen Roten Fingerhut kennt man von Waldwegen, Waldlichtungen und – kahlschlägen. An sonnigen bis halbschattigen Standorten lockt er in Ihrem Garten Hummeln an. (Foto: AM)

Den prächtigen Roten Fingerhut kennt man von Waldwegen, Waldlichtungen und – kahlschlägen. An sonnigen bis halbschattigen Standorten lockt er in Ihrem Garten Hummeln an. (Foto: AM)

 

Woher bekomme ich naturnahe Stauden?

Naturnahe Stauden gibt es oft schon in gut sortierten Gartenbaubetrieben, Staudengärtnereien oder Gartencentern. Sollten die Betriebe in Ihrer Nähe keine Wildstauden oder keine naturnahen Stauden anbieten, können Sie den Versandservice entsprechender Gärtnereien in Anspruch nehmen. Im Internet oder in naturnah orientierten Fachzeitschriften findet sich eine große Anzahl von Stauden- oder speziellen Wildstaudengärtnereien bzw. –Onlineshops. Im Literaturtipp sind beispielhaft zwei Adressen angegeben. Günstiger und möglicherweise freudvoller ist der Besuch von Pflanzenmärkten oder Pflanzentauschbörsen. Immer mehr passionierte Gärtner tauschen gerne einen Teil ihrer Schätze gegen andere ein. Auf derartigen Veranstaltungen erhält man auch oft den einen oder anderen Tipp, nach dem man in der Literatur lange suchen müsste. Lesen Sie die Veranstaltungstipps am Ende dieser Seite!

 

Pflanzung und Pflege

Bei der Auswahl naturnaher Stauden oder Wildstauden sollte unbedingt auf die Bedürfnisse der jeweiligen Arten geachtet werden – umso gesünder und üppiger wachsen sie. Für nahezu alle Boden- und Lichtverhältnisse lassen sich die passenden Pflanzen finden. Optimal ist es dann, wenn die Standortbedingungen mit den Ansprüchen der Pflanzenarten übereinstimmen. Arten, die Bodenfeuchte benötigen, werden auf trockenen Sandböden bestenfalls Kümmerwuchs zeigen.

Wann kann gepflanzt werden? Im Prinzip zu jeder Jahreszeit, solange es keinen Bodenfrost gibt und keine allzu große Wärme und Trockenheit herrscht. Eine gute Zeit ist der April und der frühe Mai, ebenso die Herbstmonate September/ Oktober. Gegen Bodentrockenheit hilft eine dünne Reisigdecke.

Gedüngt werden sollte mit Kompost oder organischem Dünger, keinesfalls mit Mineraldünger. Wildstauden sollte man nur dann zusätzliche Nährstoffe geben, wenn eine nährstoffliebende Art an einen armen Standort gepflanzt wird.

Auch in Töpfen oder Balkonkästen können statt Geranien, Petunien der Fuchsien insektenfreundliche, ausdauernde Pflanzen wie zum Beispiel Fächerblume, Steinkraut oder Löwenmäulchen wachsen.

 

Ein Winterquartier für Insekten

In den Medien findet man leider immer wieder den Hinweis darauf, dass Stauden im Herbst bis kurz oberhalb des Bodens abgeschnitten werden sollten. Begründet wird dies mit einer unkontrollierten Aussamung, der Entstehung von Fäulnispilzen oder der Unterdrückung des Neuaustriebs im Frühjahr. Mit dieser Methode nimmt der Gärtner jedoch vielen Tieren Nahrungs,- Überwinterungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Hier gilt einmal mehr die Devise: Zu viel Ordnung im Garten zerstört Leben.

Samenstände von Distelarten oder der Wilden Karde beispielsweise ernähren bis in den Spätherbst samenfressende Vogelarten wie Distelfinken (Name!), Grünfinken, Feldsperlinge oder Goldammern. Diese Methode ist billiger und artgerechter als die Fütterung am Vogelhaus. Trockene Samenstände können zudem Blickfang im winterlichen Garten sein.

Bleiben hohle Staudenstängel stehen, können in ihnen viele Insekten bzw. ihre Entwicklungsformen (Eier, Larven, Puppen) den Winter überdauern. Insekten werden im naturnahen Garten nicht als Schädlinge klassifiziert, sondern sind gern gesehene Gäste und ernähren zudem die Weichfresser unter den gartenbewohnenden Vogelarten bzw. den Nachwuchs aller Vogelarten, die sich unseren Garten als Lebensraum ausgewählt haben.

Staudenreste, die den Winter über stehen bleiben, bieten zahlreichen Kleintieren ein Quartier zum Überwintern. (Foto: BK)

Staudenreste, die den Winter über stehen bleiben, bieten zahlreichen Kleintieren ein Quartier zum Überwintern. (Foto: BK)

Unter der schützenden Decke von Staudenresten können ebenfalls viele Kleintiere über den Winter Unterschlupf finden. Haben Sie schon einmal im Spätwinter unter das dürre Laub einer Storchschnabel-Pflanze geschaut? Unter einer einzigen Staude wartet eine Vielzahl von Marienkäfern auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Beseitigen sie Überreste von Stauden nicht zu früh im Jahr, auch wenn´s Ihnen an sonnigen Spätwintertagen in den Fingern juckt. Suchen Sie sich für die Arbeit einen möglichst warmen Tag aus, damit aufgescheuchte Kleintiere (Insekten, Spinnen) die Chance haben sich ein neues Versteck zu suchen.

 

 

Hätten Sie´s gewusst?

Die Gesamtfläche der deutschen Privatgärten ist in etwa so groß wie alle Naturschutzgebiete und Nationalparke Deutschlands zusammen.

 

 

Literaturtipp

Reinhard Witt

Der Naturgarten: Lebendig, schön, pflegeleicht

BLV 2005

ISBN 978-3405159481

ca. 20 €

 

Reinhard Witt

Nachhaltige Pflanzungen und Ansaaten: Kräuter, Stauden und Sträucher

Verlag Reinhard Witt 2015

ISBN 978-3000235863

50 €

 

Links im Internet:

 

 

Veranstaltungstipps 

Pflanzenmarkt im Freilichtmuseum am Kiekeberg, Samstag, 18. – Sonntag, 19. April, 10 – 18 Uhr, Eintritt 9 € (Eintritt für Kinder bis 17 Jahre frei)

Pflanzentauschbörse in Scheeßel am Samstag, 25. April von 10 – 12 Uhr

Pflanzenmarkt in Bomlitz-Wenzingen am Sonntag, 31. Mai von 11 – 17 Uhr